Worte schaffen Wirklichkeit
Durch Worte entstehen neue Wirklichkeiten: Wenn eine Mutter ihr Kind tröstet, wenn Fans Sportler anfeuern oder wenn Vergebung ausgesprochen wird?
Dieses Jahr haben wir unseren 15. Hochzeitstag gefeiert. Erinnerungen werden lebendig: Wir stehen vor dem Altar, öffentlich vor allen Gästen, unseren Familien und Freunden und sagen uns «Franz, ich nehme dich an als meinen Mann» ? «Dorothee, ich nehme dich an als meine Frau». Unglaublich, auf eine Art, und doch wirklich. Diese Worte waren Ausdruck unserer bis dahin gewachsenen Liebe und haben gleichzeitig eine neue Wirklichkeit geschaffen.
Worte, die Macht haben
Das Beispiel unserer Hochzeit zeigt noch etwas anderes. Der sogenannte Treuespruch ist kein Wort der Macht. Die Ehe kann nur auf gegenseitiger Freiheit und freiem Entschluss beider gründen, sonst verfehlt sie ihr Wesen. Sozialpsychologisch ist Macht definiert als die Fähigkeit, andere Menschen zu etwas zu bewegen, was sie nicht wollen. So gesehen sind Macht des einen und Freiheit des anderen gegensätzlich.
Worte, die Macht haben, spielen in psychischen Krankheiten eine wichtige Rolle. Ein Beispiel: Menschen in einer depressiven Episode erleben sich als wertlos. Zu diesem Erleben gehören auch Gedanken und Worte wie z.B. «ich kann das eh nicht», «mich will sowieso niemand» oder «ich bin an allem schuld». Diese inneren Worte haben Macht, sie bewegen die Menschen gegen deren Willen in einen depressiven Zustand. Dabei können sich depressiv Erkrankte nicht oder nur schwer von diesen Worten abgrenzen, sie halten diese Worte für ihre eigenen. In der psychotherapeutischen Arbeit kann dann erarbeitet werden, in welchen biografischen Situationen diese Worte aufgenommen wurden. Oft sind
es Situationen, in denen die Patienten gewalthafter Kommunikation ausgesetzt waren. Danach ist es dann leichter, die als fremd erkannten Gedanken zurückzuweisen.
Gewaltfreie Kommunikation
Das Einüben gewaltfreier Kommunikation ist auf diesem Hintergrund immer wieder Thema in unseren Therapiestunden, wie auch in der Gruppentherapie. Die Grundprinzipien der gewaltfreien Kommunikation sind sehr einfach. Sie bestehen aus vier Schritten:
1. Mitteilen, was wir beobachten, ohne es mit unseren Bewertungen zu vermischen.
2. Mitteilen, was wir fühlen bei dem, was wir beobachten.
3. Mitteilen, welche Bedürfnisse hinter unseren Gefühlen stehen.
4. Mitteilen, was wir vom anderen brauchen, und darum bitten.
Ein Beispiel: «Felix, ich ärgere mich (Gefühl), wenn ich zwei zusammengerollte schmutzige Socken unter dem Kaffeetisch sehe und noch drei neben dem Fernseher (Beobachtung), weil ich in den Räumen, die wir gemeinsam benutzen, mehr Ordnung brauche (Bedürfnis). Würdest du bitte deine Socken in dein Zimmer oder in die Waschmaschine tun (Bitte)?»
Auch wenn die Grundprinzipien einfach sind, so zeigt sich doch schnell in der praktischen Anwendung, dass es gar nicht einfach ist, gewohnte Muster zu ändern, und wie leicht wir in unsere Aussagen Bewertungen mischen, die wir gar nicht bemerken.
Das ohnmächtige Wort
Natürlich sind auch in der Beziehung zu Gott Worte wichtig. Da sind einerseits die Worte der Bibel als Gottes Wort. Dieses Wort Gottes schafft eine neue Wirklichkeit: Es lädt ein und stiftet Beziehung, Beziehung zu Gott. In dieser Beziehung können Menschen gesund werden, wie es der Leitvers unserer Klinik ausdrückt: «Gott sandte sein Wort und machte sie gesund» (Psalm 107,20).
Die Summe und Erfüllung aller Worte der Bibel ist «das Wort»: Jesus Christus selbst, von dem es im Prolog des Johannesevangeliums heisst: «Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt» (Johannes 1,14). Das Geheimnis der Menschwerdung und Inkarnation ist die Ohnmacht. Es ist die Ohnmacht eines Neugeborenen, das in einer Krippe liegen muss. Und es ist die Ohnmacht eines am Kreuz Hingerichteten und Verfluchten. Der allmächtige Gott wählt die Ohnmacht um unserer Freiheit willen. Die Beziehung, zu der er uns einlädt, ist freilassend, denn nur, wenn wir Menschen uns frei für Gott entscheiden können, ist die Beziehung zu Gott echt. Es entspricht dem Geheimnis Gottes, wenn wir hier in Paradoxien reden müssen: Gerade in seiner äussersten Ohnmacht offenbart sich die Allmacht Gottes. Diese Paradoxie ist ansatzweise auch auf unserer menschlichen Ebene nachvollziehbar: Wer einmal einem anderen auch noch die zweite Backe hingehalten hat (Matthäus 5,39), der weiss, was mehr Kraft braucht: das Zurückschlagen oder das Unterbrechen der Spirale der Gewalt.
Das heilende Wort
Das Bild von Gott als dem Allmächtigen ist uns so geläufig, dass das Gegenteil bzw. die paradoxe Ergänzung uns leicht befremdet. Mit dem Gottesbild, das ein Mensch hat, ist immer auch eine bestimmte Beziehungsqualität Gott gegenüber verbunden. Und in aller Regel entspricht diese Beziehungsqualität den Erfahrungen, die diese Person mit anderen für sie wichtigen Menschen gemacht hat. Gewalthafte Beziehungserfahrungen, wie sie oben im Kontext der Depression genannt wurden, passen leicht zu einem Bild von Gott als dem Allmächtigen. Für Patienten, deren Glaube eine zentrale Position in ihrem Leben hat, kann deshalb auch die Arbeit am Gottesbild wichtig sein. Gott als einen ohnmächtigen Gott zu begreifen, der gerade darin meine Freiheit, meine Würde und meinen Wert ermöglicht und garantiert: Dies nicht nur mit dem Verstand zu verstehen, sondern existenziell zu begreifen, das ist wirklich heilsam. Und das ist im Kern die unglaubliche frohe Botschaft von Weihnachten.
Franz Fischer
dipl. Psychologe, dipl. Theologe
Literaturverzeichnis
> Marshall B. Rosenberg (erschienen 2004):
> Gewaltfreie Kommunikation. Eine Sprache des Lebens.
> Verlag: Junfermann, Paderborn
> Karl Frielingsdorf (erschienen 2004):
> Gottesbilder. Wie sie krank machen ? wie sie heilen.
> Verlag: Echter, Würzburg

