Wenn Angst zur Krankheit wird
Wir alle kennen Ängste in unserem Leben. Doch was passiert, wenn die Angst Überhand gewinnt und sie unseren Alltag so stark beeinträchtigt, dass wir nicht mehr normal leben können?
Angst ist ein normales Gefühl wie Wut, Freude oder Traurigkeit. Es ist ein gesundes Phänomen unseres Körpers und tritt in Situationen auf, die bedrohlich, ungewiss und unkontrollierbar scheinen. Sie bereitet uns auf mögliche Gefahren vor und macht uns bereit zu Kampf oder Flucht. Angst ist also zum Überleben notwendig.
Wann wird Angst zur Krankheit?
Besteht
das Leben aber nur noch aus leidvoller Angst, zum Beispiel durch
ständiges Sorgen, oder wenn der Lebensraum so stark eingeschränkt ist,
dass Einkaufen oder zur Arbeit gehen kaum mehr möglich sind, dann ist
das Aufsuchen einer Fachperson angezeigt. Das nachfolgende Modell zeigt
auf, wie es zu einer Verstärkung von Angst kommen kann:

Angstkreis (nach dem
Panik-Ratgeber von H.-U. Wittchen, O. Benkert, R. Boerner, B. Gülsdorff,
M. Philipp, A. Szegedi, 1997)
Die Angstsymptomatik kann an jeder Stelle der Abbildung in Gang gesetzt werden. Zu Beginn gibt es meistens Auslöser, wie z.B. Gedanken oder körperliche Veränderungen (schnelles Herzklopfen). Diese werden wahrgenommen und mit «Gefahr » in Verbindung gebracht, als Warnung vor etwas Schrecklichem. Das erzeugt Angst. Im Sinne der Stressreaktion werden im Körper weitere körperliche Veränderungen ausgelöst. Die körperlichen Symptome werden intensiver. Dadurch fühlt man sich in der Befürchtung einer Gefahr bestätigt. Das Ganze schaukelt sich immer weiter auf.
Angst vor der Angst
Im Zentrum
der Angsterkrankung steht meist die Erwartungsangst (Angst vor der
Angst) und die daraus folgende Vermeidung, d.h. man stellt sich keinen
angstauslösenden Situationen mehr. Am Anfang funktioniert das als Lösung
des Problems. Oftmals ist es jedoch nur eine Scheinlösung. Denn die
Erwartungsangst wird immer grösser und kann sich auf viele andere
Bereiche ausweiten. Die Angst engt immer weiter ein.
Sich den Ängsten stellen
Angsterkrankungen
kommen sehr häufig vor. Vielfach bleiben Angststörungen aber auch
unerkannt, da Betroffene sich schämen, darüber zu sprechen. Im
Vordergrund der Behandlung steht der Aspekt, seine Ängste anzunehmen und
sich ihnen zu stellen. Versucht man sie von sich wegzustossen, kommen
sie noch stärker zurück. Man kann sich schrittweise den gefürchteten
Situationen aussetzen und mit der am wenigsten Gefürchteten beginnen
oder gerade direkt mit der schlimmsten Situation anfangen. In der
Therapie wird dies gut vorbereitet. Zu Beginn setzt starke Angst ein.
Wichtig ist es jedoch, die Situation auszuhalten und zu warten, bis die
Angst allmählich abnimmt, damit ein Umlernen stattfindet: Die Angst kann
überwunden werden! Der Körper kann die Angst-/ Stressreaktion nicht
beliebig lange aufrechterhalten. Zur Unterstützung der Angsttherapie
können auch Medikamente angezeigt sein. Dies muss jedoch mit einer
medizinischen Fachperson besprochen werden.
Der Herr ist mein Licht
Vielen
Patientinnen und Patienten hilft es zu wissen, dass auch Jesus Angst
kannte und man auf Gottes Gegenwart vertrauen darf. Vertrauen vermindert
die Angst (vgl. Psalm 27: «Der Herr ist mein Licht und mein Heil, vor
wem soll ich mich fürchten?»). Gott ist mit mir, auch in meiner Angst.
In 2. Korinther 12,10 spricht Paulus: «Ich bin guten Mutes in Verfolgung
und in Ängsten…». Dieses Vertrauen in Gottes Gegenwart und Führung half
nicht nur Paulus damals, sondern es hilft auch uns heute, mit Angst
umzugehen und sie zu überwinden.
Nina Brauchle
Dipl. Psychologin

