Wagen Sie den Vertrauensschritt!

«Ohne Vertrauen kann man nur im Bett liegen bleiben. Und selbst dann kann man nicht darauf vertrauen, dass die Decke nicht gleich einstürzt» (Guido Möllering).
Über Entwicklung und Bedeutung von Vertrauen aus ­psycho­logischer Sicht.


In meiner therapeutischen Tätigkeit wird Vertrauen als wichtiges Thema oft angesprochen. Dies im Zusammenhang mit dem Aufbau von Vertrauen, der Geduld und Kraft erfordert, oder dem Vertrauensmissbrauch, der sich oft unerwartet und plötzlich zeigt. Doch was ist Vertrauen eigentlich genau? Wie entsteht es und welche Bedeutung hat Vertrauen in unserem alltäglichen Leben?

Der Vertrauensbegriff
Vertrauen bezieht sich auf viele verschiedene Bereiche unseres Lebens (z.B. Vertrauen auf Mitmenschen, Gott, politische Systeme usw.). Das Bedeutungsfeld dieses Begriffes ist dadurch sehr ausgeweitet und es ist schwer, eine allgemein gültige Definition zu finden. Dies führt dazu, dass es heute unzählige Definitionen von Vertrauen gibt, die sich zwar alle irgendwie ähneln, aber die einzelnen Aspekte wie Ungewissheit, Risiko oder Zeit ­unterschiedlich hervorheben. Eine kurze und verständliche Definition stammt von Guido Möllering, einem heutigen Vertrauensforscher. Er definiert Vertrauen so, «dass man positive Erwartungen hat trotz der Ungewissheit und Verwundbarkeit gegenüber anderen».

Der Vertrauensbegriff
Neben den vielen Definitionen gibt es auch mehrere Theorien zur Entwicklung und Funktion von Vertrauen. Drei bedeutsame sind die Theorien von Erikson, Rotter und Luhmann. Erikson, ein Schüler von Sigmund Freud, schuf bereits früh eine Theorie der Vertrauensbildung. Er verstand Vertrauen als Ergebnis frühkindlicher Entwicklung, dem sogenannten Urvertrauen, das eine Grundvoraussetzung für die Entwicklung einer gesunden Persönlichkeit sei. Seiner Theorie nach findet der Aufbau dieses Urvertrauens im ersten Lebensjahr statt, vor allem in der Beziehung zur Mutter, und prägt dann die späteren Beziehungen.
Rotter, der zu den Lerntheoretikern gehört, unterschied zwischen generalisiertem (allgemeinem) und spezifischem Vertrauen. Spezifisches Vertrauen baut auf Erfahrungen mit konkreten Situationen oder Personen auf (z.B. Vertrauen darauf, dass mein Arbeitgeber mir nicht beim kleinsten Fehler kündigt), während generalisiertes Vertrauen sich erst langfristig entwickelt. Dabei verdichten sich ­Erfahrungen aus verschiedenen Kontexten mit der Zeit zu einer allgemeinen, stabilen Erwartungshaltung bezüglich der Vertrauenswürdigkeit von Personen oder Sachverhalten.
Soziologische Ansätze wie die Theorie von Luhmann betonen mehr die Funktion von Vertrauen. Luhmann versteht Vertrauen als «Form der Reduktion sozialer Komplexität». Damit ist gemeint, dass Vertrauen wie ein Filter wirkt, der von den vielen verschiedenen Möglichkeiten, die uns in jeder Situation offen stehen, nur die jeweils sinnvoll erscheinenden anbietet.
Ein neuer Ansatz, der einen Beitrag zum besseren Verständnis der Vertrauensentwicklung beitragen könnte, stammt aus der Neuropsychologie. Hier steht das Hormon Oxytocin im Zentrum. Amerikanische Forscher untersuchten die Wirkung von
Oxytocin bereits bei Präriewühlmäusen und stellten fest, dass es eine wichtige Rolle bei der Paarbindung, der mütterlichen Fürsorge, dem Sexualverhalten sowie der sozialen Bindungsfähigkeit hat. Forscher der Universität Zürich gehörten weltweit zu den ersten, die den Einfluss von Oxytocin auf das Vertrauen bei Menschen nachweisen konnten. In ihrer Studie hatten Versuchspersonen, denen Oxytocin verabreicht wurde, ein grösseres Vertrauen in andere Menschen als Studienteilnehmer ohne Oxytocin. Noch sind zwar viele Fragen offen, die Forscher hoffen aber, dass Oxytocin eine wichtige Unterstützung zum Beispiel in der Therapie von ­sozial ängstlichen Menschen mit weniger Vertrauen sein könnte.

Die Bedeutung von Vertrauen
Während in der Psychologie über Definition und Entwicklung von Vertrauen wie oben beschrieben wenig Einigkeit besteht, ist eines bei allen Vertrauensforschern unbestritten: Ohne Vertrauen funktioniert nichts! Vertrauen als Form einer sozialen ­Einstellung ist eine zentrale Voraussetzung in der Beziehungsgestaltung unter uns Menschen. Kein Bereich unseres Alltags kommt ohne Vertrauen aus. Unser menschliches Zusammenleben ist zu kompliziert, um es ganz alleine meistern zu ­können. Aus diesem Grund ermutige ich Sie, den Vertrauens­schritt zu wagen!


Anneliese Aebersold
Psychologin