Schlagkräftige Wortwahl

Sie sind erwachsen, haben Ihr Leben «im Griff», tragen Verantwortung, glauben, in Sicherheit zu sein... Plötzlich trifft Sie ein Wort, ein Satz, der Sie degradiert zu einem hilflosen kleinen Kind.

Dieser Satz könnte heissen: «Besser, du wärest niemals geboren», «dich kann man auch zu nichts gebrauchen» oder gar «du bist nicht unser Kind. Die haben dich bei deiner Geburt vertauscht». Sie merken, alles was Sie bisher versucht haben, um diesen Worten ihre Macht zu nehmen, war nichts als Selbstbetrug. Wie viele Menschen kämpfen schon ihr Leben lang einen Kampf, um Worte, die man über sie ausgesprochen hat, zum Verstummen zu bringen? Wenn Betroffene von verbalen Misshandlungen berichten, wird klar, wie sehr sich diese Worte in ihr Leben eingegraben haben. Das folgende Zitat aus dem Buch von Susan Forward «Vergiftete Kindheit, elterliche Macht und ihre Folgen» bringt es auf den Punkt: «Wenn ich die Wahl hätte zwischen Schlägen und verbaler Misshandlung würde ich immer die Prügel vorziehen. Man kann die Spuren sehen. Dann tut man anderen wenigstens leid. Bei Worten wird man einfach nur verrückt. Die Wunden sind unsichtbar. Niemand kümmert sich darum.»

Scrabble ums passende Wort
Was verleiht Worten diese Macht? Was macht den Unterschied aus zwischen einer Worthülse und einem machtvollen Wort? Es ist die Autorität desjenigen, der diese Worte ausspricht, und es ist die Bereitschaft des Gegenübers, diesen Worten zu glauben. Kinder haben nicht die Möglichkeit, die Autorität des Erwachsenen in Frage zu stellen, sie sind auf sie angewiesen. Angewiesen darauf, dass sie nicht nur ernährt werden, sie brauchen auch Liebe und Respekt. Hier können sich Worte der Ermutigung im positiven Sinne machtvoll entfalten und den entscheidenden Unterschied ausmachen zwischen einem gesunden Selbstbewusstsein und einem verwundeten und verzweifelten Menschen, der sein Leben lang um seine Selbstachtung kämpft. Als Therapeut ringe ich oft um die «richtigen Worte». Welche Wahrheiten habe ich für einen Menschen, der von seiner Mutter hören musste «Besser, du wärst nie geboren»? Mein Wissen, meine Autorität und auch meine Empathie reichen nicht aus, um diese Wunde zu heilen. Hier benötige ich die Wahrheit und die Autorität dessen, der diesen Menschen gewollt und geplant hat und der seine Mutter trotz ihrer verletzenden Worte heilen will.

1. Johannes 3,1: Seht doch, wie sehr uns der Vater geliebt hat! Seine Liebe ist so gross, dass er uns seine Kinder nennt. Und wir sind es wirklich: Gottes Kinder!
    


Peter Klempera
Assistenzarzt


Literaturverzeichnis
> Susan Forward: Vergiftete Kindheit, elterliche Macht und ihre Folgen
   Goldmann-Verlag, ISBN 3-442-12442-5