Geschichte
Wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Spiritualität in Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik
Als kleine Klinik, die den Anspruch erhebt, ganzheitliche Medizin zu betreiben, waren wir herausgefordert, diesen ganzheitlichen Ansatz in seiner Wirksamkeit zu evaluieren und zu überprüfen.
Die wissenschaftliche Überprüfung unseres ganzheitlichen Ansatzes war von Beginn weg ein Anliegen und führte 1991 zur Gründung des Institutes für Religionspsychologie und Religionspsychopathologie auf der Basis einer gleichnamigen Stiftung. Über viele Jahre fehlten aber Ressourcen und Kompetenzen, diesen Ansatz weiterzuverfolgen. Später stiessen wir auf wissenschaftliche Arbeiten aus dem amerikanischen Sprachraum, die das Zusammenwirken von Medizin und Spiritualität untersuchten, sozusagen als Erweiterung des Biopsychosozialen Modells. Dieser neue Forschungsansatz traf ins Herz unseres Anliegens. Unser Klinikleitvers «Gott sandte sein Wort und machte sie gesund» fand darin seine Widerspiegelung.
In Europa wurden in der Nachwirkung Sigmund Freuds mehrheitlich die negativen und krankmachenden Aspekte des Glaubens thematisiert. C.G. Jung sprach vom «Leiden an Gott Vater» und entwarf eine Therapie des Christentums. Helmut Hark prägte den Begriff der «religiösen Neurose». Selbstverständlich existieren diese pathologisierenden Glaubensformen («toxic faith» wie Stephen Arterburn sie nannte) und stellen einen Teil unserer therapeutischen Arbeit dar. Eine einseitige Fokussierung darauf wird aber der heilsamen Dimension des Glaubens nicht gerecht.
Überprüfung der Wirksamkeit
1999 begannen wir mit einer systematischen Evaluation unserer Therapieergebnisse unter Einbezug der Religiosität. Eindrücklich war die hohe Stabilität religiöser Grundhaltungen auch in schweren Krisensituationen. Viele Patientinnen und Patienten erlebten den Glauben als Ressource und Hilfe in der Krisen- und Krankheitsbewältigung. Ein strukturiertes Vergebungsprogramm (nach Enright und Fitzgibbons) zeigte eindrückliche Wirkungen gerade bei traumatisierten Patientinnen. Dies führte uns immer tiefer in eine fachliche und wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Thematik. Schliesslich hatte ich im Jahre 2004 die Gelegenheit, am «Center for the Study of Religion/Spirituality and Health» an der Duke University in Durham (NC, USA) bei Professor Harold G. Koenig einen Weiterbildungsaufenthalt zu absolvieren. Dies führte zur Bildung einer klinikinternen Forschungsabteilung sowie zur Neukonzeption des schon bestehenden Institutes für Religionspsychopathologie, neu «Forschungsinstitut für Spiritualität und Gesundheit» (www.fisg.ch). Im Jahr 2005 konnten wir Professor Koenig in die Schweiz einladen und zusammen mit ihm einen ersten Forschungsworkshop anbieten. Zudem organisierten wir ein Tagesseminar zum Thema «Glaube und seelische Gesundheit – Forschungsergebnisse und klinische Relevanz». 2008 fand der erste und 2010 der zweite Europäische Kongress zu Religion, Spiritualität und Gesundheit statt. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung befruchtet unsere therapeutische Arbeit und kommt so letztlich unseren psychosomatischen und psychiatrischen Patienten zu gute.
Die «Religion and Health»-Forschung ist mittlerweile auch auf Europa übergesprungen. Die Publikationen nehmen auch in europäischen Fachzeitschriften zu, wenn auch die Auseinandersetzung hier in Europa erwartungsgemäss kritischer geführt wird, was durchaus begrüssenswert ist.
Aktueller denn je
Als Klinik wollen wir hier am Ball bleiben und diesen spirituellen Ansatz in die fachliche Diskussion einbringen. Wir stellen fest, dass das Thema Spiritualität in Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik zunehmend an Aktualität gewinnt. Auch Forschungskooperationen mit externen Institutionen sind uns ein Anliegen.
Das Gesundheitswesen kann auch ökonomisch von diesem Forschungsansatz profitieren, da der Glaube eine kostengünstige Ressource mit nachhaltiger Wirkung ist. Wir hoffen, dies in Zukunft noch besser dokumentieren zu können. Der Glaube wirkt präventiv und heilungsfördernd, was z.B. für Depressionen gut belegt ist. Religiosität begünstigt einen gesunden und aktiven Lebensstil und führt zu einer angemessenen Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen. Zudem verbessert sich die Medikamentencompliance, das konsequente Befolgen der ärztlichen Anweisung, was gerade bei chronisch psychiatrischen Erkrankungen Rückfälle verhindern kann. Dass dies nicht immer so ist, belegen eigene Beispiele von Patienten, die religiös motiviert (z.B. nach Heilungsveranstaltungen) die Medikamente abgesetzt haben.
Auch im ambulanten Bereich wollen wir ganzheitliche Angebote fördern und wissenschaftlich evaluieren. So haben wir z.B. in den letzten zwei Jahren interdisziplinäre Blutdruckgruppen durchgeführt. Schmerz- und Stressbewältigungsgruppen sind geplant. Stressmanagement scheint uns im Zeitalter von anhaltendem «Disstress» nötiger den je. Auch dabei kann Spiritualität eine hilfreiche Ressource sein. «Ora et labora» bietet uns ein altbewährtes Modell.

