Gemeinsam in der Gruppentherapie

Kennen Sie das auch? In der einen Gruppe fühlen Sie sich ganz ­daheim. Sie sind unbefangen und haben richtig Lust mitzumachen. In einer anderen Gruppe plagen Sie sich damit, kein Wort spontan herauszubekommen. Sie trauen sich wenig zu und fühlen sich allein mitten unter Menschen.

Erfahrungen in der Gruppe
Wir alle haben Erfahrungen in Gruppen gemacht, sei das in der Familie, in der Schulklasse, in Arbeitsteams, im Hauskreis. Und wir haben Gruppen verschieden erlebt. Sie können wohltun, Kraft geben, heilsam sein. Sie können aber auch sehr anstrengend sein, befremden, blockieren, Angst auslösen. Mein Ich-Werden braucht die Beziehung zum andern. Erfahrungen in Gruppen sind für ein Individuum enorm wichtig. Eine Gruppe ist ein hochempfindliches «Wesen», in dem einzelne Teile ständig aufeinander wirken, miteinander in Beziehung und Wechselwirkung stehen. In Patientengruppen kann diese Gruppendynamik heilsam zu Nutze gemacht werden. Dabei werden die Selbst? und Fremdwahrnehmung erkundet und vertieft.

Experimentier- und Übungsfeld
In der Gruppen-Musiktherapie improvisiert jeder Teilnehmer auf einem einfachen Instrument und mutet sich mit seinen Tönen, Stimmungen, Gefühlen der Gruppe zu. Der Begriff Musik umfasst im therapeutischen Kontext alles, was tönt (Geräusch, Klang, Rhythmus, Melodie). Dabei ist der freie Ausdruck wichtiger als das «richtige» Spielen auf den Instrumenten. Ein musikalischer wertfreier Raum entsteht. Musikalische Kontakte untereinander keimen schnell. Einzelne finden zusammen im Rhythmus oder in Klängen. Als Gruppe mündet man oft in einen musikalischen Fluss. Es hat aber auch Platz, dass ein oder mehrere Spieler alleine unterwegs sind mit ihrer Musik. Harmonie und Disharmonie sind dabei gleichberechtigte musikalische Äusserungen. Das Faszinierende und Besondere an dieser Gruppendynamik ist, dass alle gleichzeitig «sprechen» (=tönen) können und gehört werden.

Gespielte Musikimprovisation
Was kann sie auslösen? Welche Saiten lässt sie erklingen? Im anschliessenden Gespräch tauschen wir über die gespielte Musik aus. Was habe ich gehört? Was ist mir aufgefallen? Wie habe ich mich gefühlt? Wie habe ich die andern wahrgenommen?
Verschiedene Themen tauchen auf. Zum Beispiel:
> Ich habe Angst, mich zu zeigen. Was werden die andern denken? Wer bin ich überhaupt?
> Ich passe mich immer stark an und will es den ­andern recht machen. Ich selber bleibe dabei auf der Strecke.
> Die Musik macht mich traurig. Ich spüre meine Sehnsucht.
> Darf ich so laut sein hier? Man ist doch anständig!
> Bin ich genug wert, dass ich gehört werden darf?
> Es tut mir gut, mich (emotional) zeigen zu können und gehört zu werden.
> Der musikalische Kontakt zu den Mitspielern ist wohltuend.
> Ich spüre eine Wut in mir.
> War ich wirklich so laut? Ich merke oft gar nicht, wie dominant ich mich verhalte und wie wenig ich die andern wahrnehme.

Mit einzelnen konflikt-zentrierten Themen gehen wir als Gruppe erneut in die Musik und «üben» neue Wege, dehnen Grenzen aus oder spielen aufgetauchte Themen aus.
Die Gruppe kann dabei als nährende, geborgenheitsgebende symbolische «Mutter» stehen, die annimmt und erträgt. Sie kann aber auch als «Vater» fungieren und zum Risiko auffordern, Mut zusprechen und zum kämpferischen, musikalischen Dialog auffordern.

Beispiel aus der Praxis
Wir spielen in der Gruppe eine freie Improvisation. Rassel, Kalimba, Xylophon, Holzblöcke und Monochord ertönen. Die Musik wirkt lebendig, keck, aber auch bedrohlich. Danach reflektieren wir das Vorgefallene. Frau X: «Ich spürte gegen Ende des Spiels eine grosse Wut aufkommen.» Ich frage nach: «Steht ein Thema dahinter?» «Ja, es ist die Wut auf meine ältere Schwester.» In einem Dialogspiel nähern wir uns dem Thema. Die Gruppe hört als Zeuge des Geschehens zu. Frau X teilt ihrer stellvertretenden Schwester und sich ein Instrument zu. Die Schwester soll am grossen Kontrabass brummen, Frau X spielt an der Trommel. Der Titel der Musik lautet: «Was ich meiner Schwester schon lange sagen wollte.» Frau X spielt immer lauter, entfesselt, voller Wut und mit Tränen in den Augen ungebremst. Im anschliessenden Gespräch reflektiert Frau X aufgewühlt und traurig: «Ich fühlte mich oft so verlassen.» Sie erzählt dazu ein paar Geschich­ten. Die Wut und die dahinter liegende Ohnmacht der Verlassenheitsgefühle beziehen sich auch auf ihren Vater.
Das Thema Verlassenheit klingt bei der Gruppe stark an (eigene Themen). Als Zeuge des Geschehens äussert sie sich zur Musik und nimmt Anteil am Leid von Frau X. Diese kommentiert dankbar: «Das war das erste Mal seit Langem, dass ich ­wieder deutlich ein Gefühl spüren und ausdrücken konnte.»
In Anschluss machen wir als Gruppe eine Stimm­improvisation, indem wir gemeinsam frei summen zu einem Grundton auf dem Kontrabass. Das ­Gemeinschaftsgefühl wird dadurch wohltuend und tröstend erlebt.

Wenn Gott ins Spiel kommt
Besonders freut es mich jeweils, wenn ein geistlicher Aspekt ins Spiel kommt. Beispiel: In einer Gruppen-Improvisation spielen wir auf dem Schlagzeug, der Ozeantrommel und dem Regenrohr den stürmischen Gefühlszustand eines Patienten. Ein Gruppenmitglied spielt aber ein zartes Saiteninstrument dazu, das man nicht immer hört, aber konstant
bis am Schluss weiterspielt. Nach der Improvisation kommen dem Patienten die Tränen vor Freude: ­«Diese zarte Melodie auf dem warm klingenden ­Saiteninstrument, das war wie Gott. Er ist ja da! Manchmal wird er überspült und ich höre ihn nicht mehr, aber er ist in meinem Sturm und trägt mich.»
    
Daniel Dettwiler
Musiktherapeut