Alles fliesst - fliesst alles?
Fachbericht Psychotherapie
Die Angriffe auf die eigene Identität haben seit etwa zwei Generationen zugenommen: Waren unsere Grosseltern noch in einer «Schicksalsgemeinschaft» verhaftet, lebt die heutige Generation unter der Diktatur des «Alles ist möglich»-Denkens.
Der Begriff der Identität war seit Beginn der modernen Psychiatrie bei schweren psychiatrischen Erkrankungen wie den Psychosen ein Thema. Das Erleben des Auseinanderfallens des eigenen «Ich-Seins» ist bis heute noch eines der wichtigsten diagnostischen Kriterien zum Beispiel bei Schizophrenien. Identitätskrisen, heftigste Erschütterungen des eigenen Selbst ohne dass eine psychiatrische Erkrankung per se diagnostiziert werden kann, sehen wir immer mehr in unserer ambulanten Praxis.
Ich wage zu behaupten, dass die Angriffe auf die eigene Identität seit zumindest zwei Generationen zugenommen haben: Waren unsere Grosseltern noch in einer «Schicksalsgemeinschaft» verhaftet, die den Beruf, die Wohnmöglichkeit, die Transzendenz, festgelegte Abhängigkeiten und auch die Partnerin resp. den Partner vorgaben, so lebt die jetzige Generation unter der Diktatur des «Alles ist möglich»-Denkens. Weder werde ich bei der Partnersuche, noch in der Mobilität, noch in der Sinnfindung, noch in meiner Zeit eingeschränkt. Identität wird über ein fragiles Gerüst von Äusserlichkeiten gelebt: Stellung im Beruf, Attraktivität, Vermögen, Volksgruppe, Partner...
Wer bin ich?
Lassen Sie mich zuallererst
eine Definition wagen, um das Gesuchte auch finden zu können: Identität
stammt aus dem Lateinischen Identitas (Wesenseinheit) und bedeutet die
völlige Übereinstimmung einer Person mit dem was sie ist, oder als was
sie bezeichnet wird. Das seelische Erleben und das äussere Verhalten
stimmen überein. Der Weg führt vom Äusseren in das Innere des Menschen:
Hier hilft das Erlernen der Fähigkeit einsam zu sein. «Wüstenzeiten»
sind oft die fruchtbarsten Zeiten im Leben. Die Biographien von
Menschen, denen man Identität nachsagt, sind von Zeiten geprägt, in
denen sie «mit den Wassern der Sintflut» (Hilde Domin) gewaschen
wurden. Beim Recherchieren für diesen Artikel bin ich auf die vier
Kardinaltugenden der Antike gestossen:
- Sapientia (Weisheit)
- Iustitia (Gerechtigkeit)
- Fortitudo (Tapferkeit)
- Temperantia (Mässigung)
Gewisse Tugenden, die den Charakter des Unvergänglichen und des Ubiquitären (Allgegenwärtigen) haben. Bei Personen, denen wir positive Identität nachsagen, finden wir oft im Kern diese Merkmale. Charaktermerkmale, die wir auch bei vielen Menschen der Bibel finden.
Die Aufgabe der Psychotherapie
Psychotherapeuten
und -therapeutinnen auf dem Weg der Identitätsfindung: Wer sich in
diesem Beruf nur als «Techniker» versteht, der mit «Werkzeugen» seinen
Klienten hilft oder im besten Fall den Gebrauch der Werkzeuge erklärt,
würde das Gegenüber zum blossen Konstrukt von Neuronenbahnen erklären.
Als Helfende der Identitätsfindung bringen Therapeutinnen und
Therapeuten sich mit ihrer eigenen Identität quasi als «Ressourcenraum»
in den Prozess mit ein. Sie versuchen dabei, das Gegenüber so zu
verstehen, damit dieses sich selbst verstehen kann. Das mit dem Ziel,
dass die eigene Innerlichkeit, der «Kern» erkannt wird,
Heilungsprozesse angestossen werden und das Selbst reifen kann. In
diesem Prozess müssen Therapierende darauf achten, dass nicht die
eigene Identität (das Selbst) quasi kopiert wird und es zu
Abhängigkeiten kommt.
Dr. med. Christian Schäfer
Chefarzt Psychiatrie und Psychotherapie

