Die richtige Spannung
Da komme ich nun gerade aus meinem Umzugsurlaub ? nicht gerade im üblichen Sinne erholt ? an meinen Schreibtisch zurück. Auf diesem hat sich in der vierwöchigen Abwesenheit schon so einiges angesammelt. Und dann diese Anfrage: «Kannst du nicht etwas als Einleitung zu unserem nächsten Freundesbrief zum Thema ?Stress? verfassen?»
Ja ? das trifft sich gut: Stress, genauer: psychischer Stress ? denke ich. Stress im Urlaub, Stress beim Wiedereinstieg! Aber, was bitte genau ist das eigentlich, von dem ich so spontan sage: Stress? Wir alle verstehen und empfinden möglicherweise etwas Unterschiedliches als Stress oder stressig. Nach der Definition im Wörterbuch der Psychiatrie und medizinischen Psychologie (U.H. Peters) wird «psychischer Stress» erläutert als «ein belastendes Erlebnis, das im Zusammenhang mit anderen Faktoren oder allein eine körperliche, psychische oder psychosomatische Krankheit zur Folge hat». Natürlich gibt es diverse andere Definitionen von Stress!
Umgangssprachlich klagen wir vielleicht schnell darüber, wir stünden unter Stress, auch ohne wirklich «krank» zu sein. Stress ist wie eine Chiffre für etwas, das meine Lebensqualität und ?freude beeinträchtigt oder gar verhindert. Wir können auf den Stress schieben, wofür wir uns selbst nicht verantwortlich fühlen ? und erhalten dadurch vielleicht sogar Mitgefühl und Schonung. Stress fühlt sich für uns oft an nach (Über-)Forderung, Druck, Erwartung, Verpflichtung, Müssen und Ähnlichem. Also etwas Unschönes, eventuell gar Bedrohliches, das wir lieber (ver-)meiden möchten.
Vom Klang der Geige
Bleibt mir ? ausser dem Darüberstöhnen ? etwas anderes? Gibt es Wege, wie ich Stress mindern, besser mit ihm umgehen, mit ihm fertig werden kann? Denn zu grosser (Dauer-)Stress führt zum Ausbrennen
und einem massiven Verlust an Leistungsfähigkeit und Lebensfreude. Zudem können die körperlichen Begleitreaktionen sich zu dauerhaften negativen Veränderungen (z.B. Bluthochdruck) verfestigen. Schön scheint mir das Bild von den Saiten einer Geige zu sein: Ohne ihre «Spannung» klingt die Geige nicht, sie verliert ihre Fähigkeit, wundervolle Musik erklingen zu lassen. Sind andererseits die Saiten zu sehr gespannt, stimmt ihre Tonlage nicht mehr. Das Zusammenspiel mit anderen Instrumenten wird erschwert, die Saiten reissen schneller, die hohe Spannung belastet das Holz der Geige extrem. Sie nimmt Schaden und «funktioniert» nicht mehr so, wie sie es könnte und wofür sie gebaut wurde. Um unseren «Klang», unsere Fähigkeiten entfalten und das tun zu können, wozu uns Gott bestimmt hat, brauchen wir die richtige und angemessene Spannung.
Norbert Grossmann
Chefarzt Psychiatrie

