Das Spektrum der Treue
Fachbericht Psychotherapie
... Und dann gab es noch den Mann, der sich nie Gedanken über die Treue seiner Frau machte, bis er von New York nach Los Angeles zog und feststellte, dass er immer noch den gleichen Briefträger hatte...
Treue heute
Im Zeitalter des Individualismus erscheint der Begriff Treue, definiert als «Beibehaltung einer Lebenseinstellung oder eines Zustandes; Monogamie in einer Beziehung», etwas antiquiert. Sich selber treu bleiben, indem man eine Lebenseinstellung beibehält, scheint der, in der heutigen Welt der geforderten Flexibilität entgegen zu stehen. Weshalb lebenslange Treue anstreben, wenn ca. 50% der geschlossenen Ehen geschieden werden? Beziehungen werden als nicht beständig erlebt: Wie lange hält ein Beziehungsversprechen, wie lange eine Ehe und wie viele Menschen können sich tatsächlich auf ihre Familie verlassen? Sich aneinander orientieren, sich auf andere einstellen, zuhören, verstehen, helfen und einfach da sein und bleiben klingt selbstverständlich – ist es aber schon lange nicht mehr.
Treue und Gesundheit
Wir beobachten in der psychotherapeutischen Praxis, dass sich in einer Beziehung stets treu den Bedürfnissen des Partners unterzuordnen, depressive Entwicklungen fördert. Doch viele treue Menschen machen einen glücklichen, ausgeglichenen Eindruck. Sie scheinen mit ihrer Lebenssituation zufrieden zu sein. Umgekehrt wirken untreue Menschen nur selten wirklich glücklich. Vor allem, wenn sie häufig und für lange Zeit untreu leben, ist oft eine grosse innere Unruhe und Anspannung zu beobachten. Sie haben ihren sozialen Halt, ihre Wurzeln verloren.
Treue und das Ich
In seinem Artikel «Lob der Treue» (Psychologie Heute, Heft 08/2010, S. 52-57) beschreibt Dr. Wolfgang Krüger als entscheidend für die Entwicklung der Treue die Entfaltung der Ich-Identität. Ich-Identität bedeutet: Ich weiss, wer ich bin, ich weiss, inwiefern ich mich von anderen unterscheide. Offenbar setzt die Fähigkeit zur Treue eine grosse innere Stabilität voraus. Wirklich treue Menschen sind emotional starke Persönlichkeiten, die sowohl mit sich selbst als auch mit der Umwelt in intensivem Kontakt sind. Man könnte sie als bindungsstark bezeichnen. Denn es erfordert viel Kraft und Engagement dauerhaft treu zu sein, wenn der andere nicht immer dem gewünschten Idealbild entspricht.
Treue und Gott
Vorbild für die Tugend der Treue ist Gott selbst. Er ist ein unbeirrbar treuer Gott (vgl. 5. Mose 32,4)*. Das ist eine Grundbotschaft der gesamten Bibel. Der Mensch hat immer wieder seine Versprechen, die er Gott gegenüber gegeben hat, gebrochen. Gott aber hält am Menschen fest, mit dem er seinen Bund geschlossen hat. Er bleibt treu, auch wenn wir untreu werden. Jede und jeder von uns kann sich unter allen Umständen und in jeder Verfassung auf ihn verlassen, wir sind in Gottes Treue geborgen (vgl. 2.Tim 1,13; 1.Kor 1,9; 10,13; 1.Petr 4,19).
Treue und Psychotherapie
In der Klinik SGM Langenthal unterstützen wir Menschen in Krisensituationen dabei, ihre innere Stabilität wieder zu finden, ihre Identität zu entfalten und Gottes Treue zu erfahren. Wir möchten unseren Patientinnen und Patienten gute korrigierende Bindungserfahrungen ermöglichen und sie ermutigen, vertrauensvolle Beziehungen zu leben.
Wir stützen uns dabei ab auf den Geist Gottes, welcher das Gute in unserem Leben hervorbringt: Liebe und Freude, Friede und Geduld, Freundlichkeit, Güte und Treue (vgl. Galater 5,22).
Dr. med. Miriam Straub Spitalärztin Psychosomatik
* Alle Bibelzitate stammen aus der Lutherübersetzung von 1984

