Das Jetzt aktiv gestalten
Fachbericht Psychotherapie
In unserer schnelllebigen Zeit wird es immer wichtiger, den Augenblick (wieder) zu schätzen und dem Leben im Jetzt die nötige Achtsamkeit zu schenken.
Eine Frau in der Mitte ihres Lebens erzählt, sie sei mit ihrer Familie von Estland nach Deutschland umgezogen, wo sie ihren Schweizer Ehemann kennenlernte. Sie lebten einige Jahre zusammen in Afrika, bevor sie sich in der Schweiz niederliessen. Die Frau aber hatte das Gefühl, ihr Leben zu verpassen, weil sie nicht bei ihrer Herkunftsfamilie in Deutschland leben konnte. Darüber lief sie Gefahr, das Heranwachsen der eigenen Kinder und ihre Ehezeit an sich vorbeiziehen zu lassen, ohne beides wirklich erlebt zu haben.
Wer innerlich oft an einem anderen Ort weilt, sei dies in geografischer oder in zeitlicher Hinsicht, verpasst tatsächlich ein Stück Leben – weil Leben nur in der Gegenwart stattfindet und möglich ist. Das heisst nicht, dass man sich mit der (eigenen) Vergangenheit und Zukunft nicht gezielt auseinandersetzen soll. Lebe ich aber nach dem Motto «Früher war alles besser», laufe ich Gefahr, rückwärtsgewandt zu bleiben – denn das Heute wird laufend zum Gestern. Dasselbe gilt für die Zukunft: Wer immer wieder davon ausgeht, etwas in Angriff zu nehmen, «wenn dieses oder jenes dann bewältigt oder abgeschlossen ist», wird nie einen befriedigenden Zeitpunkt finden, es anzupacken. Aus der psychologischen Forschung weiss man, dass Menschen am Ende ihres Lebens es oft bereuen, gewisse Dinge nicht getan zu haben – zum Beispiel eine bestimmte Reise zu machen, eine Auszeit zu nehmen, Beziehungen zu pflegen, sich für das Gemeinwohl zu engagieren. Unter dem Aspekt, seine Gegenwart besser zu gestalten, macht es Sinn, seine Vergangenheit zu ordnen und gezielt über seine Zukunft nachzudenken. Wird das eine oder andere bedrängend - kann man also nicht selber aktiv darüber entscheiden, wo man innerlich lebt, sondern schieben sich Sorgen und (Selbst-)Vorwürfe in den Vordergrund –, ist dies ein Hinweis darauf, dass diesen Sorgen und Vorwürfen systematisch nachgegangen werden muss. Versöhnt sein mit der Vergangenheit und seine Zukunft so weit wie möglich geklärt haben macht frei, in der Gegenwart zu leben – und damit auch, innerlich und äusserlich am gleichen Ort zu sein.
In der heutigen Zeit im Jetzt zu leben, ist ein schwieriges Unterfangen. Von verschiedenster Seite wird um unsere Aufmerksamkeit gebuhlt. Hinzu kommt die enorme Beschleunigung – heute können wir an einem Tag theoretisch so viele Menschen treffen wie jemand vor 150 Jahren im ganzen Leben. Damit nehmen wir unsere Umwelt tendenziell oberflächlich wahr und können den Moment nicht mehr unbedingt geniessen. Lernen wir den Reichtum des Augenblicks wieder schätzen, kann dies unser Leben vertiefen und erfüllen. Statt abends eine unübersichtliche Summe von diffusen Eindrücken zu haben (und sich im Stillen zu fragen: «Was habe ich heute eigentlich alles gemacht?»), kann mehr Achtsamkeit im Moment zu bewussterem Leben beziehungsweise zu mehr Leben im Jetzt führen.
Ruth E. Kohli
Psychologin und Psychotherapeutin

