Balance zwischen Fürsorge und Eigenverantwortung
Angehörige psychisch kranker Menschen sind starken emotionalen Belastungen ausgesetzt. Wo ist Verantwortungsübernahme und wo Abgrenzung sinnvoll und wichtig?
«Du verstehst mich nicht, du interessierst dich nicht für mich, wir unternehmen gar nichts mehr miteinander!», sagt im Paargespräch eine Frau, die unter Depressionen leidet, zu ihrem Partner. Darauf antwortet er ihr: «Ich hab gestern dreimal versucht, dich aufzumuntern, beim dritten Vorschlag bist du so wütend geworden, dass ich lieber nichts mehr gesagt habe.» Darauf folgt Schweigen. Dieser kurze Dialog dürfte typisch sein für ein Beziehungsmuster in Partnerschaften, in denen sie oder er in einer psychischen Krise steckt. Ein Miteinander wird oft schwierig. Was früher normal war, klappt nicht mehr; Gespräche werden zäh. Bei einem körperlichen Leiden ist meistens klarer, was zu tun und wie zu helfen ist. Leidet aber die Psyche eines Menschen, so stellt dies eine Gedulds- und Belastungsprobe für alle Beteiligten dar. Oftmals drückt sich das durch Unverständnis, Hilflosigkeit, Resignation und Sorge oder auch durch krampfhafte Versuche aus, die kranke Person aufzumuntern.
Hilfe für die Angehörigen
Während die Betroffenen in einer psychischen Krise professionelle Hilfe in Anspruch nehmen, stehen Angehörige wie auch Freunde oft mit ihren Fragen und Bedürfnissen hinten an. Das spiegelt sich unter anderem im spärlichen Unterstützungsangebot für Angehörige (Gruppen, Literatur, Beratung usw.) wider. Hier werden primär Erfahrungen aus Sicht der Betroffenen oder von Professionellen angeboten. Die Perspektive derer, die ihre geliebten Menschen in seelischen Krisen oder auch während chronischer Krankheit begleiten und unterstützen, kommt leider oft zu kurz. Dieses Manko wird mittlerweile auch in Psychiatrien immer mehr erkannt. Wo möglich, werden die Familien, Partnerinnen oder Partner in die Behandlung miteinbezogen, sei dies durch Gespräche oder auch durch spezielle Gruppenangebote. Die Gründe für eine Angehörigenarbeit sind vielfältig. Einerseits trägt sie oft massgeblich zum langfristigen Therapieerfolg bei, andererseits besteht die Gefahr, dass Angehörige und Freunde ausbrennen und von der Schwere der belastenden Situation erdrückt werden. Daher ist es wichtig, Angehörige in den Behandlungsplan miteinzubeziehen, um unterscheiden zu können, wo ein verantwortungsvolles Mittragen sinnvoll ist und wo sie sich zum eigenen Schutz abgrenzen müssen.
Helfen wollen, aber wie?
Das Spektrum an psychischen Krankheiten ist sehr breit. Erkrankt eine nahestehende Person, gibt es unzählige Fragen und es ist wichtig, sich genau zu informieren. Das Gespräch mit dem oder der Betroffenen ist dabei unerlässlich, in dem eben diese Fragen gestellt werden. Gemeinsam kann evaluiert werden, was in Krisensituationen zu tun und was eher belastend ist. Denn es gilt: «Gut gemeint, ist nicht gleich gut gemacht.» Pauschale Ratschläge können zu einer Beziehungskrise bis hin zum Abbruch führen. «Richtig» zu helfen, ist eine enorme Herausforderung, denn wie hilft man richtig? Manchmal besteht die Hilfe in einem Rückzug, manchmal erfordert die Situation schnelles Handeln und viel Unterstützung. Die Hilfe für einen Menschen, der unter einer Depression oder einer Schizophrenie leidet, muss in unterschiedlichen Phasen völlig unterschiedlich ablaufen. Professionelle Hilfe einzuholen ist daher unerlässlich. Mit der aufkommenden Ohnmacht ist man jedoch nicht allein. Deshalb kann es erleichternd sein, sich mit anderen Angehörigen auszutauschen – zum Beispiel in einer Selbsthilfegruppe – und auch die Erzählungen der Betroffenen anzuhören. Das Angst auslösende, lähmende Thema Suizid sollte auch angesprochen werden, statt darüber zu schweigen und in der Angst zu erstarren. Für alle, die die Lebenswelten der Betroffenen und das jeweilige, spezielle Krankheitsbild besser verstehen möchten, finden in spezifischen Ratgebern oder auch im Internet zahlreiche hilfreiche Informationen (siehe Kasten auf Seite 6).
Sich selbst nicht vergessen!
Als betroffene Person ist man nicht nur Angehörige oder Angehöriger, sondern auch ein eigenständiger Mensch mit eigenen, persönlichen Bedürfnissen! Gewiss geht es darum, dem Gegenüber helfen zu wollen, eine Stütze zu sein, doch bei alledem dürfen die eigenen Bedürfnisse nicht unter den Tisch fallen. Das psychische Erkranken einer nahestehenden Person wirft nicht nur Fragen, sondern auch viele emotionale Themen auf. Lebenspläne können ins Wanken geraten. Vielleicht muss man sich von Altem verabschieden oder verliert zeitweise einen Gesprächspartner oder eine Gesprächspartnerin. Bei all der Kraft, die für die Unterstützung aufgebracht werden muss, sollte es Raum geben für Trauer, Ärger, Schuld, Angst, Enttäuschung, Wut und Einsamkeit. Darüber reden hilft. Sei dies in einer geleiteten Angehörigengruppe, einer Selbsthilfegruppe oder auch mit guten Freunden. Die Sinnzusammenhänge unseres Lebens werden in Geschichten organisiert. In der Fachsprache spricht man von Empowerment: Eine Person wird gestärkt, indem sie durch die eigene Geschichte und jene von anderen dazu geführt wird, sich als kompetent und handlungsfähig zu erfahren. Wichtig ist, dass dabei für positive Erlebnisse gesorgt ist und diese auch genossen werden. Lachen und Spass zu haben, ist erlaubt! Mitleid ja, aber nicht Mitleiden!
Die Balance finden!
Angehörige sorgen sich aufgrund ihrer engen Beziehung zum erkrankten und geliebten Menschen um ihn und möchten das Beste für ihn. Dieser Wunsch ist wichtig und sollte nicht mit dem permanenten Ratschlag zugedeckt werden: «Nun tu doch endlich mal etwas für dich!»
Häufig auftretende Themen in der Therapie sind mangelnde Information sowie völlige Selbstaufgabe und Überforderung. Ein gesundes Mittelmass von Alleingang und Miteinander von psychisch kranken Menschen und deren Angehörigen ist ein oft schwieriger, steiniger Weg. Nicht selten zieht eine solche Belastungssituation bei den Partnerinnen und Partnern, Kindern, Eltern oder auch Freunden eine eigene psychische Krise mit sich. Oftmals benötigen diese dann selbst eine Therapie, weil sie wegen der psychischen Krisen des geliebten Menschen ausgebrannt sind. Dabei spielt das permanent schlechte Gewissen eine entscheidende Rolle: Man kann nicht alles für den oder die betroffene Person aufopfern, weil die Kraft nicht ausreicht, und fühlt sich deshalb schuldig. In solchen Situationen kann es hilfreich sein, für sich Bilder zu entwickeln, wie dies eine meiner Patientinnen getan hat. Ihre Tochter litt an einer schweren psychischen Störung und zog sie mit in einen negativen Strudel. Während bei der Patientin anfänglich noch das Bedürfnis vorhanden war, die Tochter zu tragen, überall zu begleiten und zu schützen, veränderte sich ihr Bild mit der Zeit hin zu einem Leuchtturm. Es wurde ihr bewusst, dass sie ihrer Tochter am wenigsten helfen konnte, wenn sie sich in deren Problemen verlor. Sie wollte für sie ein Leuchtturm sein, der sich nicht mit ins Meer stürzt und womöglich mit untergeht, sondern der auch in dunklen Zeiten sichtbar ist, fest steht und dadurch Halt und Schutz bieten kann.
Liebe deinen Nächsten wie dich selbst
Der Auftrag aus Lukas 10,27 «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst» beinhaltet sowohl die Liebe für den Nächsten und die Nächste wie auch die Liebe zu sich selbst. Hier besteht ein Gleichgewicht von Sorge um die geliebte Person und jener um sich selbst. Eine sich aufopfernde Haltung kann nicht die richtige sein. Sich selbst zu lieben – das fällt oft schwer. Man will ja nicht egoistisch sein. Doch mit Egoismus hat das nichts zu tun, sondern viel mehr mit Eigenverantwortung und Selbstfürsorge. Und diese ist die Voraussetzung, um anderen in schweren Zeiten mit Liebe begegnen zu können.
Sandra Adami
Dipl. Psychologin
Informationen zu Anlaufstellen und Selbsthilfegruppen
Zentrale Informationen sind bei «KOSCH – Föderation und Förderung von Selbsthilfegruppen in der Schweiz» zu finden. Dort werden zahlreiche Selbsthilfegruppen in jedem Kanton angeboten. Ein Zitat von der Website beschreibt das Wesentliche der Selbsthilfegruppen folgendermassen: «In der Gruppe verstehen alle, wovon ich rede, weil sie täglich Gleiches oder Ähnliches erfahren. Ich brauche mich nicht zu rechtfertigen, brauche nichts zu erklären. Klar, wir können uns gegenseitig die Krankheit in der Familie nicht abnehmen. Aber gemeinsam lässt sich die schwierige Situation besser akzeptieren und es hilft, die Isolation zu überwinden. Wir ermutigen uns gegenseitig, neue Ansätze zu finden und Schritte zur Veränderung zu wagen» (M. W., Selbsthilfegruppe für Angehörige von psychisch Leidenden).
www.kosch.ch, Koordination und Förderung von Selbsthilfegruppen in der Schweiz, Laufenstrasse 12, 4053 Basel, Telefon 0848 810 814

