Ausflug mit dem Elektro-Velo

Was ist, wenn durch Krankheit ein Mangel an Entspannung entsteht? Kontakte gemieden werden aus Angst, anderen zur Last zu fallen? Aufgrund fehlender Energie die Überzeugung wächst, die täglichen Aktivitäten nicht mehr meistern zu können? Wenn durch soziale Isolation Tatenlosigkeit
entsteht?

Wahrscheinlich kennen alle von uns Momente, in denen wir zu müde sind, um in der Freizeit etwas Sinnvolles zu unternehmen. Wenn wir keine Lust haben, andere Menschen zu treffen oder der Erholungsfaktor in unseren Prioritäten wenig berücksichtigt wird. Psychisch erkrankte Menschen sind oft chronisch erschöpft und dadurch kaum in der Lage, sich selbst zu aktivieren. Jede noch so kleine Tätigkeit kann zur Belastung werden. Der Verlust der physischen und psychischen Kräfte führt zu Rückzug und mangelnder Aktivität.

Freizeitgestaltung neu lernen
Jede Woche wird mit den Patientinnen und Patienten der Tagesklinik ein Freizeit-Trainingsprogramm durchgeführt. Das Ziel ist, neue Anregungen zur Freizeitgestaltung zu vermitteln. Mit Unterstützung des Pflegepersonals werden verschiedene Ideen besprochen. Die Teilnehmenden bestimmen mit, wobei die persönlichen sowie materiellen Grenzen zu berücksichtigen sind. Wichtig ist, dass durch das Programm die Gemeinschaft gefördert wird und soziales Lernen stattfinden kann.

Velofahrt zur Schaukäserei
Es wurde entschieden, mit dem Elektro-Velo das Emmental zu erkunden. Mit diesem Entscheid tauchten bei einigen Teilnehmenden Ängste auf. Sie befürchteten, es kräftemässig nicht zu schaffen oder dem psychischen Stress nicht standzuhalten. Durch gegenseitige Ermutigung konnten die Ängste jedoch grösstenteils überwunden werden. So fuhren schlussendlich neun Teilnehmende und zwei Betreuerinnen gut gelaunt und mit voll gepacktem Rucksack mit dem Zug von Langenthal nach Huttwil. Mit Spannung auf das gemeinsame Abenteuer erreichten wir nach einem kurzen Fussmarsch das Übungsgelände für die Probefahrt. Auch wenn sich die Kraft des Velos durch den körperlichen Einsatz verdoppelt, gab es Befürchtungen, ob es uns auch über die Emmentaler Hügel führen würde. Doch die anfängliche Unsicherheit wich durch die spürbare Kraft in der Einführungsrunde der Begeisterung und dem Enthusiasmus.

Begleitet von idealem Wetter radelten wir durch Feld und Wald und bewunderten die schöne Landschaft. Die Route führte von Rohrbach über Kleindietwil, Oeschenbach und Weier bis nach Affoltern im Emmental.

Noch vor der ersten Steigung stärkten wir uns und erfreuten uns an den am Wegrand neugierig blickenden Eseln. Danach bewältigten wir zum Erstaunen aller den Aufstieg mit Leichtigkeit.

Stolz auf das Erreichte
In Affoltern angekommen, besichtigten wir die bekannte Schaukäserei. Obwohl wir das Geheimnis, wie die Löcher in den Käse kommen bereits kannten, hörten wir der Geschichte des Emmentalers mit Interesse zu. Einige der Teilnehmenden waren noch erstaunlich fit, andere hingegen müde. Doch alle waren wir stolz auf die vollbrachte Leistung und gönnten uns ein überdimensionales Vermicelles mit Schlagrahm zum z`Vieri. Da die gleiche Strecke für den Heimweg für einige zu anstrengend gewesen wäre, wählten wir für die Rückfahrt den kürzeren Weg über die Hauptstrasse.

Neu gewonnenes Selbstvertrauen
Wieder wohlbehalten in Langenthal angekommen, waren alle zufrieden, die verschiedenen Herausforderungen an diesem Tag gemeinsam gemeistert zu haben. Die Schnellen nahmen Rücksicht auf die Langsameren. Die Kräftigeren munterten die auf, die Angst davor hatten, es nicht zu schaffen. Das gemeinsame Erleben einer alltäglichen Freizeitaktivität bot unseren Patientinnen und Patienten die Gelegenheit, ihre persönlichen Grenzen kennenzulernen. Durch das gegenseitige Anspornen, nicht aufzugeben, wurden die eigenen Grenzen erweitert und das Selbstwertgefühl gestärkt.

Manchmal braucht es wenig, um etwas in Bewegung zu setzen und Ängste zu überwinden. Das Erfolgserlebnis schafft Zuversicht und stärkt die
Hoffnung, es im Alltag auch alleine zu schaffen.

 

Helga Furrer
Pflegefachfrau Psychiatrie